Agnes muss etwas unternehmen

Die vollkommene Ausgeglichenheit, in der sich ihr Leben befunden hatte, war dahin. Diesmal sah die Lage für Agnes ernst aus. Sie hatte sich doch in den letzten Tagen nur Illusionen gemacht, sie hatte sich Träumen hingegeben.

Wie in jeder freien Stunde stand sie jetzt am Fenster, blickte in die Welt und hoffte auf eine Erlösung. Sie hoffte, der Mann, den sie liebte, würde endlich bei ihr anschellen, weil er ja doch gleich da gegenüber wohnte.

Aber, dachte sie, wie sollte er das denn tun, wo er ihren Namen gar nicht kannte? Und selbst wenn – war es nicht auch völlig unüblich, bei der Frau, in die man sich verliebt hatte, einfach anzuschellen? Man würde wohl eher zunächst Blumen schicken und dann die Reaktion abwarten, bevor man Weiteres unternahm.

Doch auch die Blumen waren bisher nicht gekommen…

Agnes ging durch Wohnzimmer und Flur ins Bad. Der Nachmittag war so bewölkt, dass sie dort Licht brauchte, um sich sehen zu können. Ihr Haar hatte mehr Fülle bekommen, seit sie es halblang trug. Es lag ihr neuerdings über der Stirn, aber so sollte es ja liegen, hatte der Friseur gesagt; es konturiere ihr Gesicht besser und gebe ihm eine vollkommen neue Note.

Sie könnte aber auch ein Volumenshampoo benutzen.

Vielleicht wäre es gut, wo sie schon gerade hier war, es einfach noch einmal zu waschen und zu föhnen, dachte sie vor dem Spiegel. Nur würde es in den Händen des schönen Mannes von gegenüber nicht überhaupt zu seidig sein und ohne die Spannkraft, die das Haar jeder richtig leidenschaftlichen Frau besaß?

Agnes musste irgendetwas unternehmen! Die Stunden und Tage vergingen ungenutzt, die Zeit verfloss, ohne dass etwas geschah, das ihr gesamtes Leben verwandeln würde. Auch die Verpflichtungen, die ihr Haushalt an sie stellte, das Spülen, Abtrocknen, Aufräumen, Tag für Tag … alles nichts als eine Ausrede.

Irgendwann stand Agnes dann wieder am Fenster im Wohnzimmer. In dieser Jahreszeit hatten sich die meisten schon gefunden. Der Herbst ließ sie zurückblicken auf die ereignisreiche Zeit des Sommers. Sie brauchten dafür nicht viel zu sprechen, sondern verstanden sich auch ohne Worte, wenn sie dort unten durch die Allee vor Agnes’ Haus spazierten. Und nicht nur die Allee – die ganze Welt befand sich jetzt in dieser Stimmung.

Im Grunde habe ich schon lange nicht mehr geweint, dachte sie und fühlte mit dem Finger über ihre Orchidee, die niemals aufhören würde, für sie zu blühen.

Der Augenblick, sich zu entscheiden, war nun für sie gekommen. Denn man lebt nur einmal, vermutlich jedenfalls lebt man nur einmal.

Sie ging zum Telefon und ergriff den Hörer, um irgendwie mit dem schönen großen Mann von gegenüber in Verbindung zu treten. Dass Agnes nicht wusste, wie genau er hieß, durfte sie nicht länger davon abhalten, beherzt zu handeln.

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